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Embodiment-Techniken

Embodiment beschreibt das Phänomen, wie unser Körperbewusstsein und die Körperwahrnehmung unsere psychischen Prozesse beeinflussen. In therapeutischen Kontexten wird Embodiment genutzt, um die Verbindung zwischen Körper und Geist zu stärken und somit psychisches Wohlbefinden zu fördern. Techniken wie achtsamkeitsbasierte Körpertherapie oder Bewegungstherapien sind zentrale Anwendungen. Sie helfen Patienten, sich ihrer körperlichen Zustände bewusst zu werden und diese Zustände zu nutzen, um emotionale und kognitive Prozesse positiv zu beeinflussen. Dies kann besonders bei der Behandlung von Traumata, Angststörungen und Depressionen effektiv sein, indem es Patienten ermöglicht, durch körperliche Empfindungen Zugang zu blockierten oder unterdrückten Emotionen zu finden.

Embodiment-Techniken im therapeutischen Kontext basieren auf der Annahme, dass der Körper nicht nur ein passiver Empfänger von Emotionen und Gedanken ist, sondern aktiv an deren Gestaltung beteiligt sein kann. Am Insula-Institut sehen wir daher Embodiment auch als eine Möglichkeit, durch gezielte Stimulation des Körpers Einfluss auf psychische Prozesse zu nehmen. Dabei wird der Körper bewusst eingesetzt, um emotionale und kognitive Muster zu beeinflussen und neu zu gestalten.

 

Ein wesentliches Instrument in dieser Arbeit sind die sogenannten bifokal-multisensorischen Interventionen. Diese therapeutischen Techniken verbinden psychotherapeutische Ansätze mit körpertherapeutischen Methoden und sind in den letzten drei Jahrzehnten weltweit populär geworden. Ihr Kernprinzip besteht darin, Patientinnen und Patienten gleichzeitig mit einem emotional belastenden Thema zu konfrontieren und sie physisch zu stimulieren bzw. sich selbst stimulieren zu lassen. Dies kann durch visuelle, akustische oder taktile Reize erfolgen. Indem die Aufmerksamkeit der Patienten zwischen einer unangenehmen Körperempfindung und einem externen Stimulus geteilt wird, entsteht eine bifokale und multisensorische Erfahrung.

 

Der therapeutische Wert dieser Interventionen liegt in ihrer Fähigkeit, die Verarbeitung von emotionalen Erlebnissen zu fördern, indem mehrere Sinneskanäle gleichzeitig angesprochen werden. Dies kann helfen, festgefahrene emotionale Reaktionen aufzulösen und die Integration von traumatischen Erinnerungen zu erleichtern. Durch die Kombination von mentalen und physischen Elementen bieten bifokal-multisensorische Techniken eine innovative und ganzheitliche Herangehensweise an die Therapie, die die Grenzen zwischen Körper und Geist überwindet und auf eine tiefergehende Heilung abzielt.

EMDR

Bei der Technik EMDR werden beispielsweise bilaterale Augenbewegungen eingesetzt, während eine traumatische Erinnerung im Gewahrsein gehalten wird. Diese zumeist visuellen Erinnerungen werden von Patienten häufig als sehr belastend wahrgenommen und sind nicht selten von starken Emotionen und Körperempfindungen begleitet. Sowohl die Erinnerungen als auch die emotionalen und körperlichen Symptome verlieren in der EMDR Therapie häufig an Intensität. So erfüllte in einer Veteranen-Studie nach einer 10-tägigen Intensiv-Therapie mit EMDR keiner der Teilnehmer mehr die Kriterien einer Posttraumatischen Belastungsstörung (Hurley et al. 2018).

Klopftechniken (PEP, EFT, TFT, EDxTM)

Bei den Klopftechniken, werden während der Angst- oder Traumakonfrontation Akupunkturpunkte mit dem Finger beklopft. Das bedeutet, Patienten aktivieren in der Therapie belastende Themen und führen gleichzeitig die beruhigende Klopf-Akupressur durch, bis sie mit weniger oder sogar ganz ohne Stress an das zuvor belastende Thema denken können. Hierdurch können beispielsweise Phobien sehr schnell behandelt werden. In Studien führte oft eine einzige Sitzung zu einer signifikanten Besserung der Symptome (Wells et al. 2013). In Studien mit Veteranen, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung litten, konnte in vergleichsweise wenigen Sitzungen eine Reduktion der psychischen Symptome und der assoziierten Schmerzsymptome und Schlafstörungen erzielt werden (Church et al. 2013, Church 2014).

Sinosomatics

Das Verfahren Sinosomatics kombiniert Elemente der traditionellen chinesischen Medizin mit Elementen der Hypnotherapie. Dabei arbeitet es intensiv mit den therapeutischen Empfindungen der Patient*innen. Unangenehme Bilder und Stimmen werden im Gewahrsein gehalten, während je nach Inhalt Akupunkturpunkten an Kopf und Körper mittels Stimmgabel, Dermaroller oder Akupunktur stimuliert werden, bis sich das Bild oder die Stimme verändert. Sinosomatics wird derzeit vor allem bei Schmerzsyndromen wie der Endometriose, bei unerfülltem Kinderwunsch aber auch bei psychischen Erkrankungen wie der Depression angewandt (Schweizer-Arau et al. 2007). Für die sonst oft schwer zu behandelnde schmerzhafte Endometriose konnten in einer randomisierten kontrollierten Studie erstaunliche Schmerzreduktionen von bis zu 100% beobachtet werden (Meissner et al. 2016).

Obwohl in den verschiedenen bifokalen Interventionen ganz unterschiedliche Formen der sensomotorischen Stimulation angewandt werden, sind die Ergebnisse der Therapien sehr ähnlich: Es scheinen vor allem solche psychische Symptome auf bifokale Techniken anzusprechen, die mit einer hohen körperlichen Erregung einhergehen. Parallel verändern sich häufig assoziierte Symptome wie Schmerzen, teils auch somatische Krankheiten. Dabei scheint eine Kombination psychotherapeutischer und körpertherapeutischer Methoden bei einigen Krankheitsbildern schneller zu wirken als die alleinige sprachliche bzw. körperliche Intervention. So führte beispielsweise in der Therapie einer Panikstörung eine Klopftechnik in nur 5 Stunden zu einer ähnlichen Angstreduktion wie die kognitive Verhaltenstherapie in 12 Sitzungen (Irgens et al. 2017). Und eine Kombination aus Psychotherapie und Klopfakupressur erwies sich als erheblich wirksamer in der Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung als die alleinige Akupunktur (Sebastian et al. 2017; Grant et al. 2018).

Ziel unserer Forschung am Insula-Institut ist es, die Wirkmechanismen bifokal-multisensorischer Interventionen und andere Embodiment-Techniken besser zu verstehen. Um mehr über die inneren Vorgänge bei solchen Interventionen herauszufinden, hat unsere Mitarbeiterin Dr. Antonia Pfeiffer zwischen Winter 2021 und Sommer 2022 in qualitativen Interviews das subjektive Erleben von 25 Patient:innen erforscht, die im Rahmen einer Behandlung mit der Therapie sinosomatics bifokal-multisensorische Techniken am eigenen Leib erlebt haben. Außerdem entsteht gerade eine Übersichtsarbeit, die bisherige Studien zu Wirkmechanismen bifokaler Stimulationstechniken der psychotherapeutischen Fachwelt zur Verfügung stellt.

 

Babamahmoodi, A., Z. Arefnasab, A. A. Noorbala et al. "Emotional freedom technique (EFT) effects on psychoimmunological factors of chemically pulmonary injured veterans" Iranian Journal of Allergy, Asthma, and Immunology vol .14 , no.1, pp. 37-47, 2015.

Church, D., C. Hawk and A. Brooks "Psychological trauma symptom improvement in veterans using

freedom techniques. A randomized controlled trial" in The Journal of Nervous and Mental Disease, vol. 201, no. 2, pp. 153-160, 2013.

 

Church, D. "Reductions in pain, depression, and anxiety symptoms after PTSD remediation in veterans" in Explore, vol. 10, no. 3, pp. 162-169, 2014.

Grant, S., Colaiaco, B., Motala, A. et al.  "Acupuncture for the treatment of adults with posttraumatic stress disorder: A systematic review and meta-analysis" in Journal of Trauma & Dissociation : The Official Journal of the International Society for the Study of Dissociation (ISSD), vol.19, no.1, pp. 39-58, 2018.

Hurley E. C. "Effective Treatment of Veterans With PTSD: Comparison Between Intensive Daily and Weekly EMDR Approaches" in Frontiers in psychology, vol 9,  pp. 1458, 2018.

Irgens, A. C., A. Hoffart and T. E. Nysaeter "Thought field therapy compared to cognitive behavioral therapy and wait-list for agoraphobia. A randomized, controlled study with a 12-month follow-up" in Frontiers in Psychology, vol. 8, pp. 1027, 2017.

Meissner, K., Schweizer-Arau, A., Limmer, A., Preibisch, C., Popovici, R.M., Lange, I., de Oriol, B. and Beissner, F., 2016. Psychotherapy with somatosensory stimulation for endometriosis-associated pain: a randomized controlled trial. Obstetrics & Gynecology, 128(5), pp.1134-1142.

Schweizer-Arau A, Böhling B and  Kron M. "Auswirkung einer systemischen Autoregulationstherapie (SART) auf die Schwangerschaftsraten bei einer anschließenden IVF/ICSI-Behandlung" in Geburtshilfe und  Frauenheilkunde, vol. 67, pp. 1–6, 2007.

Sebastian B and Nelms J. "The Effectiveness of Emotional Freedom Techniques in the Treatment of Posttraumatic Stress Disorder: A Meta-Analysis" in Explore, pp.16-25, 2017. 

Wells, S., K. Polglase and H. B. Andrews "Evaluation of a meridian-based intervention, emotional freedom techniques (EFT), for reducing specific phobias of small animals" in Journal of Clinical Psychology, vol. 59, no. 9, pp. 943-966, 2003.

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